Gaming im Lebenslauf: So schaden Hobbys dem Recruiting
Ob Hobbys in einen Lebenslauf gehören oder nicht, ist stark umstritten und schwankt im Trend. In den 2010er Jahren galten Hobbys im Lebenslauf häufig noch als unprofessionell. Heutzutage werden Freizeitaktivitäten im CV häufig genutzt, um daraus den “Cultural Fit” oder wertvolle Softskills abzuleiten.
Die Forschung zeigt: Außerberufliche Aktivitäten beeinflussen tatsächlich, wie der Bewerber wahrgenommen wird. Ob bewusst oder unbewusst, valide oder haltlos, Recruiterinnen und Recruiter ziehen daraus häufig Rückschlüsse auf Eigenschaften der Bewerber wie Persönlichkeit, Arbeitsmoral oder Motivation.
Die Psychologie dahinter
Der psychologische Mechanismus dahinter ist die Signaling-Theorie. Sie beschreibt, wie Menschen in unsicheren Situationen Signale senden und empfangen, um verborgene Qualitäten sichtbar zu machen.
Ein Beispiel: Ein Bewerber möchte seine Motivation und Teamfähigkeit glaubhaft vermitteln, obwohl Personaler diese Eigenschaften nicht direkt beobachten können. Also nutzt er beobachtbare Signale wie ein abgeschlossenes Studium oder Arbeitszeugnis, aus denen Personaler Rückschlüsse auf seine Eignung ziehen.
Auch Hobbys funktionieren in diesem System als Signal. Personaler nehmen sie wahr und ziehen daraus Rückschlüsse auf die Eigenschaften des Bewerbers. Kandidaten müssen daher sorgfältig überlegen, welche Hobbys sie in ihrem Lebenslauf nennen, um ihre Chancen auf ein Jobangebot zu verbessern.
Gaming: Wertvolle Kompetenz oder schlechtes Signal?
Videospiele werden als Freizeitbeschäftigung immer beliebter. In den USA spielen bereits über 60 % der Menschen mindestens eine Stunde in der Woche. Untersuchungen zeigen, dass Gaming wichtige Kompetenzen in drei Bereichen trainiert und festigt.
- Kognitive Fähigkeiten: Gaming fördert verschiedene Fähigkeiten wie strategisches Denken, Multitasking, schnelle Entscheidungsfindung und Problemlösekompetenz, allesamt Indikatoren für berufliche Leistung.
- Soziale Fähigkeiten: Gemeinsames Spielen trainiert taktische Zusammenarbeit und Führungskompetenzen, die sich direkt auf den Arbeitsalltag übertragen lassen.
- Digitale Fähigkeiten: Gaming schult digitale Fertigkeiten wie den sicheren Umgang mit komplexen Systemen, geistige Flexibilität und digitale Kommunikation; Kompetenzen, die in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt für viele Positionen relevant sind.
Hobbys und die Macht der Vorurteile
Hobbys im Lebenslauf werden selten neutral bewertet. Welche Freizeitaktivität angegeben wird, kann den Eindruck eines Bewerbers durch Vorurteile verzerren, schon bevor ein Gespräch stattgefunden hat. Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel Gaming:
Dem stereotypen Gamer wird nachgesagt, er sei sozial inkompetent, untrainiert und träge. Gewalttätige Spiele würden Aggression und Impulsivität fördern und mangelnde Disziplin führe zu Suchtverhalten.
Wissenschaftlich belegt sind diese Annahmen nicht, trotzdem halten sie sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Welchen Einfluss die Angabe von Gaming auf die Personalauswahl hat, wurde vor kurzem in einer Studie untersucht (Basch et al. 2026).
Sport schlägt Gaming
In der Studie sollten Recruiter das Einstellungspotenzial eines Bewerbers und die Qualität des Lebenslaufs beurteilen. Die gezeigten Dokumente beschrieben alle einen typischen jungen Mann mit durchschnittlichen Qualifikationen und unterschieden sich nur in der Beschreibung der Freizeitaktivitäten zwischen Gaming und Volleyball.
Das Ergebnis: Lebensläufe mit Volleyball als Hobby wurden besser bewertet als Lebensläufe, in denen Gaming als Freizeitaktivität angegeben war. Außerdem wurde das Einstellungspotenzial der Volleyballer höher eingeschätzt als das der Gamer. Wie professionell das Hobby ausgeübt und ob dabei eine Kapitänsrolle übernommen wurde, spielte keine Rolle.
Obwohl Gaming das Potenzial hat, viele Fähigkeiten zu fördern, die in den vielen Berufen relevant sind, werden Gamer oft als weniger fähig wahrgenommen als Mannschaftssportler, selbst als Kapitän eines E-Sport-Teams. Die Ergebnisse lassen also vermuten, dass trotz einiger Parallelen das Bild von Gamern in den Köpfen nicht so positiv ist wie das von Mannschaftssportlern und die mit Gaming verbundenen Eigenschaften unterschätzt werden.

Von den Recruitern konnten sich 85 % nach dem Lesen des Lebenslaufs an das angegebene Hobby erinnern. Da sich die Inhalte sonst nicht unterschieden, zeigt die Studie nicht nur, dass Freizeitaktivitäten wahrgenommen werden, sondern auch, dass sie die Bewertung der Person beeinflussen.
Praxis-Tipp: Kompetenzen messen statt Hobbys bewerten
Die Ergebnisse der Studie zeigen einen klassischer Rater-Bias: Obwohl Gaming nachweislich komplexe kognitive und technische Fertigkeiten fördert, werden diese Kompetenzen im Recruiting durch negative Vorurteile überschattet.
Für Personaler zeigt die Studie vor allem eines: Hobbys im Lebenslauf sind als Grundlage für Einstellungsentscheidungen kaum geeignet. Angaben zu Freizeitaktivitäten sind oft nicht überprüfbar, nicht vergleichbar und werden von verschiedenen Recruitern unterschiedlich interpretiert. Ob zum Beispiel Gaming positiv oder negativ bewertet wird, hängt letztlich davon ab, wer den Lebenslauf liest.
Weil Hobbys subjektive Urteile fördern, sollten sie in der Bewerberbewertung möglichst ausgeklammert werden. Aussagekräftiger sind standardisierte, kriterienbasierte Verfahren, die Kandidatinnen und Kandidaten anhand relevanter Fähigkeiten und Qualifikationen bewerten. Vorher festgelegte Bewertungsschemata, strukturierte Interviews und validierte Testverfahren schaffen Vergleichbarkeit und rücken nachweisbare Kompetenzen in den Vordergrund.
Wer zusätzlich die eigenen Vorurteile aktiv reflektiert, trifft Einstellungsentscheidungen auf einer deutlich solideren Grundlage.
Drei Gründe, Hobbys im Lebenslauf auszuklammern
- Hobbys sind nicht prüfbar
Angaben zu Freizeitaktivitäten lassen sich nicht objektiv vergleichen und oft nicht verifizieren – anders als Abschlüsse, Zertifikate oder Testergebnisse. - Bewertung hängt vom Beurteiler ab
Ob bestimmte Hobbys positiv oder negativ bewertet werden, hängt davon ab, wer den Lebenslauf liest – nicht von den tatsächlichen Fähigkeiten der Person. Das führt zu inkonsistenten und verzerrten Urteilen. - Klischees überschatten reale Kompetenzen
Hartnäckige Stereotype führen dazu, dass nachweislich wertvolle Fähigkeiten – etwa aus dem Gaming – systematisch unterschätzt werden. Vorurteile verzerren das Urteil, bevor ein Gespräch stattgefunden hat.
Quellen
Basch, J. M., Ohlms, M. L., & Hepfengraber, M. (2026). Game Over or Game Changer? The Impact of Applicants’ Gaming Skills on Their Hirability. Journal of Personnel Psychology, 25(1), 22–31. https://doi.org/10.1027/1866-5888/a000376
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