25. Aug 2017

Sind längere Interviews besser als kürzere?


Mit kürzeren Interviews können Unternehmen Zeit und Geld sparen. Aber leidet darunter die Qualität?

Interviews sind fester Bestandteil eines jeden Auswahlverfahrens. Organisationen möchten die Kandidaten in diesem Auswahlschritt nicht nur persönlich kennenlernen, sondern auch in Erfahrung bringen, ob sie die nötigen fachlichen und sozialen Kompetenzen mitbringen, um auf der Stelle erfolgreich zu sein. Gut durchgeführt, erlauben Interviews gute Vorhersagen der späteren Leistung im Beruf. Doch dies hat seinen Preis: Da Interviews meist von gut bezahlten Fach- und Führungskräften, teilweise auch mit externer Unterstützung, durchgeführt werden, ist jedes Interview mit Kosten verbunden.

Um den Personaleinsatz und die Kosten überschaubar zu halten, haben Unternehmen ein großes Interesse daran, möglichst kurze Interviews durchzuführen. Wenn kürzere Interviews aber zu schlechteren Auswahlentscheidungen führen, würden sie aufgrund von Fehlbesetzungen ebenfalls Kosten verursachen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen Länge und Qualität des Interviews besteht. Diese Frage hat Thorsteinson (2017) nun untersucht und seine Ergebnisse im Journal of Occupational and Organizational Psychology veröffentlicht.

Was ist ein „gutes“ Interview?

Wenn wir erfahren möchten, ob längere Interviews besser sind als kürzere, muss zunächst geklärt werden, was ein gutes Interview von einem schlechten unterscheidet. Thorsteinson betrachtete in seiner Studie zwei Gütekriterien: Reliabilität und Validität.

Die Reliabilität gibt an, wie zuverlässig und reproduzierbar die Beurteilung der Interviewer ist. Bei hoher Reliabilität würde das Interview, wenn man es noch einmal durchführen würde, zum gleichen Ergebnis führen wie beim ersten Mal. Die (prognostische) Validität des Interviews gibt an, inwiefern die Beurteilung zutreffende Vorhersagen der späteren Leistung erlaubt. Je höher die Validität, umso besser die Auswahlentscheidung.

Wie hängen Länge und Qualität des Interviews zusammen?

Um die Frage nach dem Zusammenhang von Länge (in Minuten) und Reliabilität und Validität des Interviews zu beantworten, fasste Thorsteinson 83 Primär-Studien in einer sogenannten Meta-Analyse zusammen, wobei insgesamt mehr als 43.000 Interviews berücksichtigt wurden. Für die Auswertung kamen statistische Analysemethoden (Multiple Regression) zum Einsatz.

Es zeigt sich, dass die Länge des Interviews weder mit der Reliabilität noch mit der Validität des Inteviews zusammenhängt. Wie ist dieses Ergebnis zu erklären? Die Reliabilität des Interviews hängt vom Konsens der Interviewer ab: Je ähnlicher die Urteile der einzelnen Interviewer, umso höher die Reliabilität. Ein längeres Interview führt aber nicht zu zwangsläufig dazu, dass sich die Interviewer in ihren Urteilen annähern.

Time spent may be a good measure of the quantity of information gained in an interview, but does not directly address the quality of information.

Ein Zusammenhang zwischen Länge und Validität wurde ebenfalls nicht gefunden. Zwar können Kandidaten in längeren Interviews mehr Informationen über sich berichten, das beudetet jedoch nicht, dass diese zusätzlichen Informationen zu besseren Vorhersagen führen. Weitere plausible Erklärungen sind, dass Kandidaten in längeren Interviews ausschweifender antworten oder die Interviewer selbst mehr Redezeit beanspruchen, was in beiden Fällen keine relevanten Zusatzinformationen liefert.

Was beudetet dies für die Praxis?

Da sich die Qualität zwischen langen und kurzen Interviews nicht unterscheidet, spricht sich der Autor der Studie für kürzere Interviews aus und empfiehlt eine Dauer von ca. 30 Minuten pro Interview.

Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass längere Interviews keine Vorteile gegenüber kürzeren hätten. Der Autor weist deutlich darauf hin, dass neben Reliabilität und Validität noch weitere Aspekte zu berücksichtigen sind: Bewerber könnten kurze Interviews negativ wahrnehmen, weil sie das Gefühl haben könnten, ihre Fähigkeiten nicht ausreichend präsentieren zu können. Außerdem möchten Bewerber Zeit haben, Fragen zum zukünftigen Job und zur Organisation zu stellen. Ein zu kurzes Interview könnte sich daher negativ auf die Candidate-Experience auswirken.

Offen bleibt auch die Frage, wie sich die Qualität des Interviews verbessern lässt. Dies lässt sich zum Beispiel durch Trainings in Gesprächsführung und Strukturierung von Interviews bewerkstelligen. Die Effekte von Strukturierung auf die Vorhersagekraft des Interviews fallen zwar in dieser wie auch in anderen Studien geringer aus als früher angenommen, sollten aber trotzdem nicht ungenutzt bleiben. Eine weitere Methode zur Steigerung der Reliabilität sind größere Interviewpanels: Anstelle eines 60-minütigen Gesprächs mit einem Interviewer empfiehlt sich ein 30-minütiges Gespräch mit zwei Interviewern, da so die Reliabilität bei gleichem Ressourceneinsatz steigt.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die Länge des Interviews keinen Einfluss auf seine Qualität hat. Wenn den Kandidaten genug Zeit für eigene Fragen und Selbstpräsentation gelassen wird, kann die Dauer gefahrlos reduziert werden.


Thorsteinson, T. J. (2017). A meta-analysis of interview length on reliability and validity. Journal of Occupational and Organizational Psychology. doi: 10.1111/joop.12186

Wie ist Ihre Meinung?