Vorauswahl mit Schulnoten: So geht es richtig

Gerade bei der Auswahl von Auszubildenden und Berufseinsteigern greifen Personaler gern zu den Schulnoten: schnell verfügbar, scheinbar objektiv und vergleichbar. In der Praxis werden dabei häufig einzelne fachspezifische Noten herangezogen, etwa Mathematik für technische Berufe oder Deutsch für kaufmännische Stellen. Die Idee ist einleuchtend, da in Durchschnittsnoten auch Fächer einfließen, die keinen Bezug zur gesuchten Stelle haben.

Doch wie gut sagen Noten tatsächlich vorher, ob jemand im Beruf erfolgreich sein wird? Und wie sinnvoll ist die Betrachtung einzelner Fächer? Die Forschungslage dazu ist eindeutig und widerspricht der gängigen Praxis in einem entscheidenden Punkt.

Was ist Validität?

Die prognostische Validität gibt an, wie gut ein Auswahlkriterium die spätere Leistung eines Bewerbers vorhersagen kann. Sie wird als Zahl zwischen 0 (kein Zusammenhang) und 1 (perfekter Zusammenhang) angegeben. Als grobe Orientierung gilt:

  • bis 0,2: geringe Validität
  • zwischen 0,2 und 0,4: moderate Validität
  • 0,4 oder höher: hohe Validität

In der Personalauswahl gelten bereits Werte ab 0,3 als praktisch wertvoll.

Die eine Zahl im Zeugnis, die wirklich zählt

Eine Meta-Analyse von Trapmann et al. (2007) wertete 26 europäische Studien zum Zusammenhang von Schulnoten und Studienerfolg aus. Und sie kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Durchschnittsnote ist der valideste Einzelfaktor für spätere Leistung. Ihre Validität liegt bei 0,50. Einzelne Fachnoten erreichen dagegen nur Werte zwischen 0,22 und 0,40 und bleiben damit deutlich hinter dem Mittelwert zurück.

Dieser Befund ist dabei nicht neu: Baron-Boldt et al. kamen bereits 1988 zu ähnlichen Schlüssen. Bemerkenswert ist, dass deutsche Schulnoten seither sogar leicht an Vorhersagekraft gewonnen haben.

Auch zwischen Studienfächern zeigen sich Unterschiede. Am stärksten sagt die Durchschnittsnote den Erfolg in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen vorher (0,58), etwas schwächer in Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (0,45) und am geringsten in der Psychologie (0,40).

Auch in der Ausbildung: Die Durchschnittsnote gewinnt

Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (Schnitzler & Velten, 2011) untersuchte die Leistung deutscher Auszubildenden aus gängigen kaufmännischen und gewerblich-technischen Berufen. Sie bestätigt das Ergebnis für duale Ausbildungen: Die Durchschnittsnote sagt den Ausbildungserfolg besser vorher als einzelne Fachnoten, mit Validitäten von 0,41 für die Zwischenprüfung und 0,44 für die Abschlussprüfung.

Unter den Einzelnoten ist die Mathematiknote am aussagekräftigsten, erreicht aber nicht die Vorhersagekraft der Durchschnittsnote. Grundsätzlich sagen Noten die Leistung in schriftlichen Prüfungen besser vorher als für praktische Prüfungen. Das hat den Hintergrund, dass in der Praxis weitere Fähigkeiten gefragt sind, die sich weniger in Schulnoten widerspiegeln.

Die Studie untersucht auch die Ergebnisse eines Eignungstests und stellt fest, dass eine Kombination aus Durchschnittsnote und Test eine nochmal höhere Vorhersagekraft hat, als nur die Durchschnittsnote alleine. Der Test ergänzt also Informationen, die die Note nicht abbildet (sog. inkrementelle Validität) und erhöht somit die Validität der Auswahl, wenn Test und Schulnote kombiniert werden.

Quellen: Trapmann et al., 2007; Schnitzler & Velten, 2011

Die Kraft des Durchschnitts

Dass die Durchschnittsnote so konsistent besser abschneidet als einzelne Fachnoten, ist kein Zufall. Zwei Mechanismen erklären, warum sie ein so robustes Auswahlkriterium ist.

Aggregation schlägt Einzelmessung: Die Durchschnittsnote ist das Ergebnis von Urteilen vieler Lehrkräfte, über mehrere Jahre, in verschiedenen Fächern und Prüfungsformaten. Durch die Menge und Vielfalt an Daten können zufällige Schwankungen ausgeglichen werden. Das macht Durchschnittsnoten zuverlässiger als jede Einzelnote für sich.

Noten messen mehr als Fachwissen: Schulnoten gehen einher mit einer Reihe von Eigenschaften, die auch im Beruf leistungsrelevant sind: Leistungsmotivation, Lernbereitschaft und Auffassungsgabe. Diese Aspekte erklären einen wesentlichen Teil der Vorhersagekraft der Durchschnittsnote.

Praxis-Tipp: Das Schulzeugnis richtig lesen

Die Forschungslage ist eindeutig genug, um konkrete Empfehlungen abzuleiten. Für Personaler, die Schulnoten in der Vorauswahl einsetzen, lassen sich zwei Punkte festhalten.

Durchschnittsnote statt Einzelnoten: Wer nach einzelnen Fachnoten filtert, verzichtet auf das aussagekräftigere Kriterium. Die Durchschnittsnote ist in nahezu allen Fällen die bessere Wahl. Wer trotzdem eine Einzelnote heranziehen möchte, ist mit der Mathematiknote am besten bedient. Sie ist unter allen Fachnoten am aussagekräftigsten.

Noten und Eignungstest kombinieren: Schulnoten allein lassen Vorhersagepotenzial ungenutzt. Ein berufsspezifischer Test, der fachlich relevante Kompetenzen prüft, verbessert die Vorhersagequalität messbar. Die Kombination beider Instrumente ist dem Einsatz eines einzelnen überlegen.

Ein Vorbehalt bleibt: Schulnoten sind kein perfektes Auswahlkriterium. Die Vergleichbarkeit ist begrenzt: Unterschiedliche Schulformen, Bundesländer, Lehrkräfte und Prüfungsformate sorgen dafür, dass eine Note nicht überall dasselbe bedeutet.

3 Erkenntnisse, die Ihre Vorauswahl verbessern

  1. Die Durchschnittsnote ist das stärkste Kriterium.
    Sie bündelt Leistung über Jahre, Fächer und Lehrkräfte hinweg und ist deshalb robuster als Einzelnoten.
  2. Fachnoten sind schwächer als gedacht.
    Selbst die aussagekräftigste Einzelnote erreicht nicht die Vorhersagekraft des Gesamtdurchschnitts.
  3. Noten und Tests ergänzen sich.
    Wer beide Instrumente kombiniert, schöpft das verfügbare Vorhersagepotenzial am besten aus.

Quellen

Baron-Boldt, J., Schuler, H. & Funke, U. (1988). Prädiktive Validität von Schulabschlussnoten: Eine Metaanalyse. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 2, 79–90.

Schnitzler, A., & Velten, S. (2011). Eignungstests und Ausbildungserfolg. Abschlussbericht, Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn.

Trapmann, S., Hell, B., Weigand, S., & Schuler, H. (2007). Die Validität von Schulnoten zur Vorhersage des Studienerfolgs-eine Metaanalyse. Zeitschrift für pädagogische Psychologie, 21(1), 11-27.

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