Wie ein Hinweis die KI-Nutzung im Online-Assessment halbiert

Remote-Tests, die Kandidaten eigenständig von zu Hause aus durchführen, sind kostengünstig, unkompliziert und besonders in frühen Phasen des Bewerbungsprozesses beliebt. Sie sind allerdings nicht immun gegen unerlaubte Hilfsmittel.

Die Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) wie ChatGPT und Co. hat in den letzten Monaten rasant zugenommen – auch als Hilfsmittel bei Online-Assessments. Bewerberinnen und Bewerber sehen zunehmend die Chance, damit ihr Testergebnis zu verbessern. Für die vermehrte Nutzung gibt es mehrere Gründe:

  • Leistungsfähigere Modelle: KI-Tools werden kontinuierlich besser, liefern bessere Antworten und sind dadurch immer hilfreicher in Testsituationen.
  • Steigender Wettbewerbsdruck: Viele Bewerber gehen davon aus, dass andere ebenfalls KI nutzen – daraus entsteht ein Gefühl, „mithalten zu müssen“.
  • Geringes Entdeckungsrisiko: In vielen Online-Assessments fehlt eine effektive Kontrolle, was die Hemmschwelle senkt.
Quelle: openai.com

Bei Leistungs- oder Wissenstests ist das Potenzial von KI besonders groß, da aktuelle Modelle viele Aufgaben zuverlässig lösen können. Aber auch beim Ausfüllen von Persönlichkeitsfragebögen hilft die KI: Sie generiert Antworten, die genau auf das Jobprofil oder beruflichen Anforderungen abgestimmt sind.

Obwohl KI-Kompetenz grundsätzlich wünschenswert ist, kann ihre unkontrollierte Nutzung im Assessment die Ergebnisse verzerren und die Vorhersagekraft für den späteren Berufserfolg einschränken.

Die offensichtliche Lösung für dieses Problem: Vor-Ort-Testungen unter Kontrollbedingungen. Es gibt aber auch für Online-Assessments eine einfache aber wirksame Maßnahme, die in der Literatur seit langem bekannt ist: Warnhinweise.

Wofür und aus welcher Motivation Bewerber KI-Tools nutzen und wie Warnhinweise dem entgegenwirken können, hat eine aktuelle Studie von Robie et al. im International Journal of Selection and Assessment untersucht.

Warnhinweise halbieren die Nutzung von KI-Unterstützung

In zwei Studien wurde untersucht, wie sich verschiedene Arten von Warnhinweisen auf die KI-Nutzung der Bewerber auswirken. Das Ergebnis ist überraschend: Ein einfacher Warnhinweis reduziert die Nutzung von KI-Tools und anderer externer Hilfsmittel um mehr als 50%.

Die Forscher erklären den Effekt damit, dass ein expliziter Warnhinweis im richtigen Moment eine klare Norm festlegt, die das erwartete Verhalten vorschreibt und jede Abweichung zur Regelverletzung macht.

Quelle: Robie et al. (2026)

Wettbewerbsvorteile als Motiv

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Bewerber vor allem dann an KI wenden, wenn sie Unsicherheiten hinsichtlich der Interpretation von Aufgaben oder Schwierigkeiten mit kognitiv anspruchsvollen Aufgaben haben. Für Persönlichkeitsfragen wurde in der Studie hingegen kaum Hilfe gesucht.

Die Beweggründe sind vielfältig, spiegeln jedoch im Allgemeinen eher das Bestreben wider, den Schwierigkeitsgrad der Aufgabe zu bewältigen oder sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern, als Zeit zu sparen oder Stress abzubauen.

Kein pauschaler Vorteil durch KI-Nutzung

Den von KI-Nutzern angestrebten Wettbewerbsvorteil kann diese Studie nicht pauschal bestätigen: Im untersuchten Verfahren wiesen KI-Nutzer keinen höheren Job-Fit auf als Bewerber ohne KI-Unterstützung. Ob KI tatsächlich einen Vorteil verschafft, hängt stark von Aufgabentyp, Zeitlimits und der KI-Kompetenz der Bewerber ab und sollte nicht unterschätzt werden. Gerade bei kognitiven Leistungstests sind aktuelle Modelle in der Lage, viele Aufgaben zuverlässig zu lösen und so zu erheblichen Verzerrungen der Testergebnisse zu führen.

Was aber festgestellt werden konnte ist, dass Bewerber, die KI hauptsächlich nutzen, um Stress und Ängste zu reduzieren, tendenziell schlechter abschneiden. Eine mögliche Interpretation ist, dass Bewerber, die ein höheres Maß an testbedingter Angst oder Unsicherheit empfinden, eher dazu neigen, sich zur Beruhigung an KI-Tools zu wenden, und dass genau diese Unsicherheiten zu einer geringeren Leistung im Assessment beitragen.

Praxis-Tipp: Die richtige Warnung

Warnhinweise wirken besser, wenn sie auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansprechen. Ein gut gestalteter Hinweis appelliert an die Fairness des Bewerbers, ermutigt zu ehrlichen Antworten um ein unverzerrtes Person-Job-Match zu ermöglichen und weist auf mögliche Konsequenzen von abweichendem Verhalten hin.

Die Formulierung der Warnung zahlt in die Candidate-Experience ein und kann beeinflussen, wie das Unternehmen wahrgenommen wird:

  • Negativ formulierte Warnungen können Ängste verstärken und die Candidate Experience verschlechtern.
  • Positiv forumulierte Hinweise auf Fairness und Eignung sind ebenso wirksam, rufen aber positivere Reaktionen bei den Bewerbern hervor.

Hinweise richtig formulieren

Warnhinweise, die Konsequenzen erwähnen, werden eher akzeptiert, wenn sie den Schwerpunkt auf Überprüfung und ein ordnungsgemäßes Verfahren legen anstatt auf strenge Strafen.

Anstatt zu erklären, dass die Ergebnisse für ungültig erklärt oder die Bewerber disqualifiziert würden, sollte man besser darauf hinweisen, dass die Verwendung von KI-Tools zu einer zusätzlichen Überprüfung der Antworten führen könne, um einen fairen Prozess zu gewährleisten. In der zitierten Studie wurde mit einer solchen Formulierung keine negative Reaktion der Bewerber auf den Warnhinweis gemessen.

Damit eine solche Ankündigung ihre Glaubwürdigkeit behält und nicht als leere Drohung wahrgenommen wird, sollte die angekündigte Maßnahme im Prozess konsequent umgesetzt werden.

Klare Anweisungen senken den Unterstützungsbedarf

Die Erkenntnis, dass Bewerber KI-Tools häufig zur Klärung von Anweisungen nutzen, lässt vermuten, dass ein Teil der KI-Nutzung auf echte Verwirrung oder Unsicherheit hinsichtlich der Anforderungen der Prüfung zurückzuführen ist.

Organisationen sollten daher prüfen, ob die Anweisungen klar sind, unbewertete Übungsaufgaben zur Verfügung stehen, alternative Sprachen auswählbar sind oder Barrierefreiheitsfunktionen verbessert werden können.

Maßnahmen zur Verhinderung von externer Unterstützung

Strukturelle Maßnahmen können die Zuhilfenahme von KI-Tools oder anderen unerwünschten Hilfsmitteln drastisch verringern bis nahezu vollständig verhindern. Dazu gehören die Videoüberwachung während der Durchführung, strikte Zeitlimits während der einzelnen Aufgaben, die die Bedienung externer Tools erschweren und sog. „Trace-Daten“, die z.B. Fensterwechsel aufzeichnen und somit die Verwendung zusätzlicher Software dokumentieren. Auch ein Kontrolltest vor Ort zur Verifizierung der Online-Ergebnisse kann die Verwendung von Hilfsmitteln aufdecken oder verhindert sie durch die reine Ankündigung dessen bereits.

Wer in der Personalauswahl Authentizität und Fairness sichern will, muss nicht nur die Technologie im Blick behalten, sondern auch die Psychologie dahinter. Plattformen, die diesen Anforderungen gerecht werden wollen, müssen technische und psychologische Maßnahmen konsequent kombinieren und regelmäßig an den technischen Fortschritt anpassen.

In 3 Schritten, den richtigen KI-Warnhinweis formulieren

  1. Appellieren Sie an den Eigennutz
    Ehrliche Antworten ermöglichen ein besseres Person-Job-Match, auch für den Bewerber.
  2. Stellen Sie Fairness in den Mittelpunkt
    Ein fairer Prozess ist ein Argument, dem niemand widersprechen kann und das gleichzeitig positiv auf die Wahrnehmung des Unternehmens einzahlt.
  3. Seien Sie vorsichtig mit Konsequenzen
    Eine Sicherung der Chancengleichheit klingt besser als die Androhung von Strafen.

Quellen

Robie, C., Wingate, T. G., Baytalskaya, N., & Butera, H. (2026). Candidate Generative AI Use in Pre‐Hire Employment Assessments: Self‐Reported Incidence and the Impact of Warnings. International Journal of Selection and Assessment34(2), e70056.

Finden Sie den passenden Test

Filtern Sie unseren Pool aus vorkonfigurierten Tests nach Test-Typ, Berufsgruppe und Karrierestufe oder suchen Sie direkt nach konkreten Berufen.

Passenden Test finden